Der Lotus-Effekt an der Fassade - Dichtung oder Wahrheit?

Seit vielen Monaten beschäftigt ein Thema die Branche, die Kundschaft genauso wie die Handwerker: Seit die Firma Ispo ihre Lotusan benannte Silikonharzfarbe auf den Markt warf und mit einem enormen Aufwand bewarb, ist der angeführte Lotus-Effekt in aller Munde.

Es ist selten vorgekommen, daß so etwas banales wie eine Fassadenfarbe die Emotionen der Fachwelt so hochkochen ließ, wie die werbewirksame Einführung der Lotusan Fassadenfarbe. Die Branche schien gespalten in Verfechter und Kritiker. Bei näherem Hinschauen konnte man erkennen, daß die Verfechter zu dem Lager zählten, die mit dieser Farbe Geld verdienten, und die Kritiker dem Lager zuzurechnen waren, die leider kein Vergleichsprodukt anbieten konnten, von dem Erfolg der Werbemaßnahme völlig überrumpelt wurden und nun ihre Felle davonschwimmen sahen. Was ist eigentlich dran an dieser Farbe? Und an dem sogenannten "Lotus-Effekt"? Ein objektives Bild schien kaum zu gewinnen sein, denn jede Stellungnahme muß hinterfragt werden, welche Interessen denn damit vertreten werden, wer für die Stellungnahme verantwortlich ist oder wer denn bitteschön dieses oder jenes Gutachten in Auftrag gab und bezahlt. So ist auch der untenstehende Beitrag aus dem "Technik-Forum Okt.99" mit dem nötigen Abstand zu sehen, denn besagte Infoschrift stammt aus dem Hause Caparol und damit von einem Konkurrenten der Firma Ispo. Nichtsdestotrotz erscheint er mir lesenswert genug, um ihn hier zu zitieren:

"Keine Lotus-Wirkung an der Fassade.
Zwischen "Schlammbadtests" und der Praxis bestehen gewaltige Unterschiede

Im Vergleich mit dem Lotusblatt wurde die Vorstellung "Einmal den Wasserschlauch in die Hand nehmen, und schon ist die Fassade wieder sauber" als Werbeaussage über die Medien in die Öffentlichkeit getragen. Diese Wirkung des Lotusblattes geht auf die Oberflächenbeschaffenheit der Pflanze zurück. Sie besteht aus feinen Erhebungen aus Wachs, die auch auf den Blättern verschiedener anderer Pflanzen zu beobachten sind. Diese Erhebungen bewirken, daß Wasser von diesen Pflanzen, auch wenn sie länger naß stehen bleiben, nahezu kugelförmig abrollt.
Die Idee, die Professor Wilhelm Barthlott zum Patent angemeldet hat, lautet, daß man solche Strukturen künstlich herstellen kann, daß Schmutz mit dem Wasser von der Oberfläche abrollt und diese dadurch sauben bleiben. Auf lebenden, natürlich Oberflächen - wie dem Lotusblatt - bilden die Zellen Stück für Stück Wachskristalle, die sich ständig erneuern. Die Oberfläche von Beschichtungen, zum Beispiel von Siliconharzfarben, kann sich natürlich nicht aus sich selbst heraus regenerieren. Ihre Oberfläche entsteht dadurch, daß beim Verdunsten des Wassers, je nachdem welche Partikel und Bindemittel verwendet wurden, mehr oder minder rauhe Oberflächen entstehen. Diese haben jedoch mit der Struktur des Lotusblattes so viel zu tun wie ein Kiesel mit einem Edelstein.
Von der Nichtexistenz einer Lotusblatt-Wirkung bei Siliconharzfarben, also auch bei Lotusan, kann sich jeder Interessierte überzeugen, indem er eine mit diesem Produkt beschichtete Platte in ein Schlammbad hineinsteckt (sogenannter Schlammbadtest) und nicht sofort (wie im Fernseh-Werbespot von ispo) herauszieht, sondern einige Minuten darin stehen läßt. Dann werden Siliconharzfarben - und damit auch Lotusan - vom Schlamm voll benetzt. Dieser Schlamm läßt sich nach dem Antrocknen auch nicht mehr restlos abwaschen.
Was bleibt, ist die Einordnung von ispo-Lotusan in die Kategorie hochpigmentierter und gut abgebundener Siliconharzfarben mit einer stark ausgeprägten Hydrophobie, das heißt wasserabstoßender Oberfläche. [...] Erste Untersuchungen an neutralen Instituten mit Amphisilan und ispo-Lotusan zeigen, daß beide Fassadenbeschichtungen zwar wenig, aber doch verschmutzen und die von ispo werblich dargestellte Lotusblatt-Wirkung sich in der Praxis nicht einstellt"
Im Nachhinein interessant vielleicht noch der Aspekt, daß die Firma Caparol mittlerweile kaum noch öffentlich gegen den Lotus-Effekt zum Streichen wettert - spätestens seit sie selbst ein Produkt mit Lotus-Effekt anbietet, wäre es doch unschicklich, sich das Geschäft zu verderben.

Und so ist es schwer, Aussagen zu finden, die nicht von Firmeninteressen gefärbt sind. Doch es gibt sie, sogar mit Unterstützung eines Farbherstellers, obwohl das Ergebnis der Untersuchung nicht zu ihrem unbedingten Vorteil ausfällt: Die Firma STO ermöglichte einer Schulklasse praktische Tests, und diese sind im Internet zu finden:

http://alt.moerike-gymnasium.de/focus/lotus/shocked_index_color.htm

Erwähnenswert hierbei: Die Firma ispo, Hersteller von Lotusan und Initiator der erfolgreichen Werbekampagne, wurde mittlerweile von der Firma STO übernommen. Und STO wird im Jahr 2003 auch erneut kräftig für Lotusan werben. Respekt dafür, daß man trotz wirtschaftlicher Interessen derartige schulische Projekte unterstützt und mit den Ergebnissen hinterher auch leben kann, und sie nicht in irgendwelchen Schubladen verstauben, weil sie nicht den eigenen Erwartungen gerecht wurden.

Also was ist jetzt dran, an dem Lotus-Effekt?

Man sollte sich keinen übersteigerten Erwartungen hingeben was die schmutzabweisenden Eigenschaften angeht, die hinterher nicht erfüllt werden. Die Enttäuschung und Frustration, hervorgerufen durch überzogene Werbeslogans ist gefährlich. Ein Sockel ist ein Sockel und gehört nun einmal im Spritzwasserbereich wirklich nicht mit weisser Fassadenfarbe gestrichen, auch wenn sie Lotusan heisst und laut Werbung schmutzabweisend ist. Die Ernüchterung folgt sonst recht bald auf dem Fuße: Hier ein Bild einer Garagennebenseite, die anderthalb Jahre vor Aufnahme des Fotos mit Lotusan gestrichen wurde, und bei der der Auftraggeber sogar wegen der hohen Werbeversprechungen direkt von der Firma Ispo eine schriftliche Garantie für die schmutzabweisende Wirkung für die Dauer von fünf Jahren forderte und erhielt. Weder mit Wasserschlauch noch mit Wurzelbürste lässt sich der verschmutzte Sockelbereich gründlich reinigen - was aus der schriftlichen Garantie geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis - große Erwartungen würde ich mir allerdings nicht machen.
Ein Spezialist aus der Natursteinbranche erläuterte mir, daß die Problematik in der Mikrostruktur zu suchen ist. Schmutzpartikel ab einer gewissen Größe lassen sich völlig problemlos abwaschen - doch wird die setzen sich kleinste Schmutzteilchen in die Mikrostruktur der Farboberfläche, so gibt es kaum noch Chancen, diese zu entfernen.

Der zweite Punkt, der zu Problemen führt, ist die Fettempfindlichkeit. Eine mit Lotusan beschichtete Fläche lässt die Wassertropfen wunderschön auf der Oberfläche tanzen - aber sobald ein schlichter Fingerabdruck auf der beschichteten Fläche gesetzt wird, ist der Lotus-Effekt verschwunden. Dies ist der Grund, warum in den Live-Präsentationen mit Schlammbadtauchen die Akteure weiße Handschuhe tragen: ihre Fingerabdrücke würden für ein unerwünschtes Ergebnis sorgen...

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Viel interessanter und für mein Gefühl viel zu wenig hervorgehoben wird die Tatsache, daß durch das schnellere Abperlen des Wassers die Fassade für kürzere Zeit feucht ist - ein Punkt, der in den letzten Jahren durch die zunehmende Veralgung von Fassadenflächen immer deutlicher in den Vordergrund tritt. Das Verschmutzen einer Fassade mag an einer Hauptverkehrsstraße vielleicht ein Aspekt sein - das Veralgen von Fassadenflächen jedoch kann überall auftreten, wo Fassaden zum Beispiel wegen ungünstiger Lage (Beschattung, Bewaldung, ländliche Lage, Vollwärmeschutz) längere Zeit feucht bleiben. Und wenn die Lotusan hier eine Problemlösung bietet, dann ist dieser Punkt wesentlich bedeutsamer, denn damit kann der ohnehin nur temporär wirksame Schutz durch fungizide und algizide Giftstoffen reduziert werden.
Seite aktualisiert am: 8.05.2003, 21.10.2008